Angesichts multidimensionaler globaler Krisen setzt das BMZ auf One Health

Die Ausbrüche von Ebola, Zika und dem neuen Coronavirus haben deutlich gemacht, wie gefährlich Zoonosen sind – Infektionskrankheiten, die zwischen Tier und Mensch übertragen werden. Das Risiko hierfür steigt mit zunehmender Bevölkerungsdichte und globaler Mobilität, zerstörten Ökosystemen und dem Klimawandel. Das BMZ verfolgt daher einen One Health-Ansatz, der die Untrennbarkeit von menschlicher und tierischer Gesundheit und einer intakten Umwelt zum Ausgangspunkt nimmt. 

Ein Paradigmenwechsel in der gesundheitsbezogenen Entwicklungszusammenarbeit 

Die COVID-19 Pandemie bringt Gesundheitssysteme an ihre Grenzen, verschärft soziale Ungleichheit und treibt immer mehr Menschen in die Armut. Gleichzeitig ist sie nur eine der multidimensionalen Krisen, mit der die Welt heute konfrontiert ist. Mit seiner neuen One Health-Strategie reagiert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auf diese Herausforderungen und erkennt die enge Verbundenheit zwischen Mensch, Tier und Umwelt an.

„Die COVID-19-Pandemie kann unsere Chance für einen grundlegenden Wandel sein“, sagt Dr. Maria Flachsbarth, parlamentarische Staatssekretärin im BMZ. „Unser Ministerium hat schon vor der Pandemie erkannt, dass Human-, Tier-, und Umweltgesundheit eng miteinander verbunden sind. Deshalb haben wir ein neues Referat für Pandemieprävention, One Health, Tiergesundheit und Biodiversität eingerichtet“. 

Lesen sie hier das ganze Interview mit Dr Maria Flachsbarth über den One Health-Ansatz.

Was bedeutet One Health?

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, WHO) definiert One Health als eine Herangehensweise, bei der Akteure aus verschiedenen Sektoren zusammenarbeiten, um die bestmöglichen Ergebnisse im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu erzielen. COVID-19 zum Beispiel kann als Resultat einer mehrdimensionalen Krise gesehen werden: Eine komplexe Kombination aus zerstörten Ökosystemen, verlorener biologischer Vielfalt, verschmutzter Luft, Wasser und Boden, Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit haben zu der Entstehung und Ausbreitung des Virus beigetragen.

Die Grafik zeigt, wie der One Health-Ansatz des BMZ dieses Zusammenspiel berücksichtigt und sich auf präventive Maßnahmen konzentriert, um die Gesundheit für Mensch, Tiere und die Umwelt, zu erhalten.

One-Health-Ansatz_BMZ
Bevölkerungswachstum, Klimawandel, erhöhte Mobilität, die Ausbreitung invasiver Arten und Vektoren sowie Massentierhaltung sind alles Faktoren, die zur Ausbreitung von Zoonosen und anderen Infektionskrankheiten beitragen.

One Health ist auf internationaler Ebene verankert 

Als Folge der Vogelgrippe-Pandemie Mitte 2000 beschlossen WHO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (World Organisation for Animal Health, OIE), einen One Health-Ansatz zu verfolgen. 2010 etablierten sie eine formale Partnerschaft: „Wir können die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt nicht länger getrennt voneinander betrachten, sondern müssen ihr Zusammenspiel anerkennen. Diese Partnerschaft führt das jeweilige Fachwissen unserer drei Organisationen zusammen und ermöglicht damit einen One Health-Ansatz“, sagte der damalige Generaldirektor der FAO, Jose Graziano da Silva

Auf dem Weltgesundheitsgipfel 2020 wies Dr. Monique Eloit, Generaldirektorin der OIE, darauf hin, dass auf globaler Ebene vereinbarte One Health-Pläne nur dann erfolgreich umgesetzt werden können, wenn Partnerländer im globalen Süden involviert werden und über die erforderliche Infrastruktur, Fähigkeiten und Ressourcen verfügen, die es ihnen ermöglicht, ihren Teil beizutragen.

Für eine verbesserte Epidemie- und Pandemieprävention stellt das BMZ ab 2021 jährlich bis zu 150 Millionen Euro bereit, um Gesundheitsrisiken zu verringern, Gesundheitssysteme für Mensch und Tier zu stärken und Frühwarnsysteme zu verbessern. Außerdem hat es seine finanzielle Unterstützung für multilaterale Organisationen wie OIE und das Internationales Tierforschungsinstitut (the International Livestock Research Institute, ILRI) deutlich erhöht. Nach den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union ist Deutschland der viertgrößte Förderer von Forschung im One Health-Bereich.

Der WHO-Generaldirektor, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, brachte auf dem Weltgesundheitsgipfel 2020 im Oktober seine uneingeschränkte Unterstützung für die One Health-Strategie des BMZ zum Ausdruck: „Wir müssen noch schneller als bisher Silos durchbrechen und solidarisch miteinander arbeiten. Mit einem One Health-Ansatz können wir potenzielle künftige Gefahren effektiver erkennen, ihnen vorbeugen und sie bewältigen“.

One Health stärkt die Pandemiebereitschaft in Ost- und Westafrika

Für Dr. Renate Herrmann, Beraterin für Tiergesundheit und One Health bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), begann das deutsche Engagement für One Health in der Entwicklungszusammenarbeit schon vor einigen Jahren: „Die Ebola-Pandemie im Jahr 2015 war ein wichtiger Anstoß dafür, Gesundheitsprogramme zur Pandemieprävention und -bewältigung ganzheitlicher zu denken“, erklärt sie. „Wir haben damals zwei Regionalprogramme zur Stärkung der Pandemiebereitschaft in Ost- und Westafrika gestartet. Bei deren Umsetzung wurde schnell deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit mit anderen Sektoren ist. Um die Programme herum entstanden so Netzwerke aus Organisationen vieler verschiedener Sektoren.“

Damien Bishop, der Leiter des westafrikanischen Regionalprogramms , führt dies weiter aus: „Wir haben den One Health-Ansatz zum Beispiel in die regionale Risikokommunikationsstrategie eingebracht, die wir gemeinsam mit der Westafrikanischen Gesundheitsorganisation entwickelt haben. Die konkreten Zusammenhänge zwischen menschlicher und Tiergesundheit und Umweltfragen für die Pandemiebereitschaft sind darin ausbuchstabiert. Dabei haben wir auch die wichtigsten One Health-Partner in Westafrika angesprochen und gemeinsam mit ihnen überlegt, wie Synergien geschaffen werden können“, berichtet er weiter. „Wir unterstützen jetzt die Entwicklung eines One Health-Kurses, der auf die Bedingungen in der ECOWAS Region zugeschnitten ist und dazu beitragen wird, ein One Health-Netzwerk in der gesamten Region fest zu etablieren“, fügt er hinzu.

Auch im ostafrikanischen Regionalprogramm spielt der One Health-Ansatz eine wichtige Rolle: Im Juni 2019 nahmen fast 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einer vom Sekretariat der Ostafrikanischen Gemeinschaft (East African Community, EAC) organisierten und von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützten Feldsimulationsübung teil. An der kenianisch-tansanischen Grenze wurde dafür ein Ausbruch des Rifttalfiebers (RVF) simuliert, einer von Mücken übertragbaren Krankheit, die verheerende Auswirkungen auf Wiederkäuer hat und auch Menschen infizieren kann. Ziel der Simulation war es, die konkrete Zusammenarbeit vieler Organisationen und Akteure beim Umgang mit Ausbrüchen gefährlicher Zoonosen und anderer Infektionskrankheiten zu proben. Aus gutem Grund: Ausbrüche von Ebola, Gelbfieber, dem Marburg-Virus, Krim-Kongo-Fieber und hämorrhagischem Rifttalfieber halten auch die Länder in Ostafrika weiter in höchster Alarmbereitschaft.

Vietnam: Zoonosenbekämpfung vom Markt bis zum Regenwald

Vietnam ist als Zoonose-Hotspot bekannt, da die Nutzung von Wildtierprodukten weit verbreitet ist, sei es als Lebensmittel, als lokale Medizin oder als Talisman. Die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheiten von Wildtieren auf den Menschen übertragen werden, ist daher sehr hoch. Im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) finanziert die KfW Entwicklungsbank in Zusammenarbeit mit dem WWF Maßnahmen für die Prävention von Zoonosen. Marktstände, Geschäfte und Restaurants, die gegen das Gesetz verstoßen, Produkte von Wildtieren zu verkaufen, werden ermittelt und ihre Daten an die örtlichen Behörden weitergeleitet. Durch diese strengeren Kontrollen konnten die Verstöße inzwischen um 70 % reduziert werden. Außerdem patrouillieren nun Ranger in Schutzgebieten auf der Suche nach Wildtierfallen. Diese Maßnahmen gegen Wilderei verringern das Risiko, dass gefährliche Krankheitserreger auf illegale Märkte gelangen und sich so auf den Menschen übertragen.

A market in Vietnam
Ein Markt in Vietnam

In Laos, Kambodscha, Indonesien und den Philippinen wird One Health an Schulen unterrichtet

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bezieht auch Schulen in die Vermittlung von One Health ein. In Laos, Kambodscha, Indonesien und auf den Philippinen wird in von Deutschland unterstützten Programmen mit Schülern und Schülerinnen das regelmäßige Händewaschen und die Nutzung von sauberem Wasser eingeübt. Außerdem werden Wurminfektionen medikamentös behandelt. Schulen sind Orte, an denen die drei Seiten von One Health – menschliche Gesundheit, Krankheitserreger tierischen Ursprungs und Umwelt – täglich aufeinandertreffen und an denen dies direkt thematisiert werden kann.

„Wenn man Kinder gegen Wurmbefall behandelt, kann man dabei auch gleich ihr Umweltbewusstsein und ihr Verständnis für die Zusammenhänge zwischen der Gesundheit von Mensch und Tier schärfen“, sagt Dr. Lea Knopf, Beraterin für Tiergesundheit und One Health bei der GIZ. „Oft befallen dieselben Parasiten Menschen und Tiere, warum dies also nicht direkt zum Unterrichtsthema machen? Man hat inzwischen erkannt, dass so ein kombiniertes Vorgehen viel effektiver ist als ein alleinstehendes Entwurmungsprogramm. Die Schulen können dabei Expertinnen und Experten in Human- und Tiermedizin und in Umweltfragen einbeziehen“.

One Health als Kompass für die zukünftige internationale Zusammenarbeit

„In den nächsten drei Jahren werden wir weitere One Health-Projekte mit Partnerländern entwickeln und umsetzen“, sagt Dr. Flachsbarth. „Diese Projekte werden an den Schnittstellen zwischen Human- und Tiergesundheit und Umwelt in der Ernährungssicherheit, landwirtschaftlichen Produktion und Fischerei, im Bereich des Wassermanagements, der Biodiversität und im Naturschutz angesiedelt sein. Es ist uns ein Anliegen, den One Health-Ansatz in allen Bereichen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit fest zu verankern.“

Inna Lazareva, März 2021 (übersetzt im August 2021)

© BMZ
© Harald Franzen/GIZ

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