Zum BMZ-Workshop ‚Sektorübergreifende Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten‘

Die Tagung am 2. Juni 2022 in Berlin war Initialzündung für die Vernetzung von über 70 Expert*innen im Zeichen von One Health.

Anfang des Jahres unterzeichnete Deutschland die Kigali-Erklärung zu vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases – NTDs) und verpflichtete sich darin gemeinsam mit weiteren Regierungen und zentralen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, multilateralen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen, den Fahrplan der WHO zur Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten bis 2030 umzusetzen. Um gemeinsam Lösungsansätze zu diskutieren und die Vernetzung aller deutschen Akteure zu fördern, lud das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) zusammen mit dem Deutschen Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten (DZVT) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH daher am 2. Juni 2022 über 70 Expert*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik zu einem Workshop zum Thema „Sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten“ ein.

Das BMZ begrüßt die Gäste
Begrüßungsworte PStS Niels Annen

Dieser Artikel gibt einen Überblick über Deutschlands Beitrag zur weltweiten NTD-Bekämpfung.

Das BMZ steht für einen One-Health-Ansatz

Niels Annen, Parlamentarischer Staatssekretär im BMZ, betonte in seinen Begrüßungsworten, dass die Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten (NTDs) für das BMZ eine Priorität ist. Im Januar 2022 habe die erste Präsenzveranstaltung, die er als Staatssekretär erlebte, NTDs zum Thema gehabt und ihm deutlich gemacht, wie viel Engagement und Wissen deutsche und internationale Netzwerke in ihre Bekämpfung einbringen. Das BMZ wolle darauf aufbauen und dabei den One-Health-Ansatz und die sektorübergreifende Zusammenarbeit fördern. Dafür sei die partnerschaftliche Zusammenarbeit aller engagierten Akteure eine wichtige Voraussetzung.  

Wir verstehen uns als Vernetzter
Begrüßung DZVT

Ein deutsches Zentrum zur Vernetzung von Expert*innen 

Als Gründungsmitglieder stellten Burkard Kömm, Geschäftsführer der Deutschen Lepra und Tuberkulosehilfe e.V. (DAHW) und Prof. Dr. Markus Engstler von der Universität Würzburg/Deutsche Gesellschaft für Parasitologie, die Ziele und Mitglieder des Deutschen Zentrums für die sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten (DZVT) vor. Das Zentrum will Expert*innen vernetzen, um vernachlässigte Tropenkrankheiten in interdisziplinärer Zusammenarbeit noch erfolgreicher zu bekämpfen. Unterschiedliche Expertisen sollen gebündelt werden, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln und in den betroffenen Ländern umzusetzen: „Wir verstehen uns als Vernetzer der Expert*innen vor Ort!“ sagte Burkard Kömm. „Nicht als politischen Lobbyverein oder Berater-Organisation, denn dafür gibt es bereits wirksame und wichtige Netzwerke und Akteure in Deutschland.“ Prof. Markus Engstler ergänzte: „Wir benötigen als DZVT das konkrete Mandat und die Ressourcen der Bundesregierung, um diese wichtigen Aufgaben zu erfüllen!“

Erfahrungen und Perspektiven der Internationalen Zusammenarbeit
mpulsvortrag Angela Schug, GIZ

„Wir brauchen jetzt Vertrauen und Zeit“

Angela Schug PhD, One-Health-Beraterin der GIZ, stellte die Perspektive und Erfahrungen der deutschen internationalen Zusammenarbeit bei der NTD-Bekämpfung vor. Deutschland habe dabei mit seinem Fokus auf den One-Health-Ansatz, der die Untrennbarkeit der menschlichen, tierischen und umweltbezogenen Gesundheit unterstreicht, weltweit eine Vorreiterrolle inne. Nun müsse – mit der dafür nötigen Zeit – eine Vertrauensbasis erarbeitet werden, welche sektorübergreifende Zusammenarbeit erfolgreich macht. Hierfür sei dieser Workshop ein wichtiger Schritt. Er böte den Teilnehmenden die Gelegenheit, gemeinsam zu überlegen, auf welchen Ebenen und mit welcher Prioritätensetzung sie einen Beitrag zur NTD-Bekämpfung leisten könnten. 

Kirchliche Entwicklungsorganisationen genießen das Vertrauen der lokalen Bevölkerung

Die Fachstellen für Gesundheit der evangelischen und der katholischen Kirche Deutschlands, das Deutsche Institut für die ärztliche Mission DIFÄM und das Missionsärztliche Institut, verwiesen in ihrem Beitrag auf die besondere Rolle kirchlicher Netzwerke bei der Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten. Aufgrund ihrer langfristigen Präsenz vor Ort, ihrer Vernetzung mit lokalen Glaubensgemeinschaften und ihrer Nähe zur lokalen Bevölkerung brächten die Menschen ihnen viel Vertrauen entgegen. So kenne man deren konkrete Lebenssituationen und Bedürfnisse und könne vernachlässigte Tropenkrankheiten auf dieser Grundlage bekämpfen. Nicht ohne Grund sei z.B. die Reise des ghanaischen Kurienkardinals Peter Turkson in den Kongo während des dortigen Ebola-Ausbruchs in 2019 eine sehr wirksame Intervention gewesen: Die Bevölkerung habe auf ihn gehört, als er sie bestärkte, die von der Regierung angemahnten Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Der Blick der Wissenschaft
Prof. Dr. Mark Vetter, Hochschule für angewandte Wissenschaft Würzburg/Schweinfurt (FHWS)

Location Matters!

Prof. Dr. Mark Vetter von der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Würzburg/Schweinfurt (FHWS) zeigte in seinem Beitrag ‚Location matters!‘, wie wichtig räumliche Zusammenhänge für ein besseres Verständnis der Entstehung und Ausbreitung von NTDs sein können. Mit Geo-Informationstechnologien kann ihr gehäuftes Auftreten bestimmter lokalisiert und mit örtlichen Gegebenheiten, die möglicherweise krankheitserregend wirken, in Zusammenhang gebracht werden. So lässt sich durch Geo-Tracking problemlos zeigen, dass Malaria vermehrt in Gegenden mit stehenden Gewässern auftritt. In Togo sei sein Institut in das Georeferenzieren von Lepra-, Buruli ulcer- und Frambösie-Fällen involviert, und könne den lokalen Partnern damit wichtige Daten für deren Forschung zu Ursachen und für gezielte Bekämpfungsmaßnahmen liefern.

Fallbeispiele und gemeinsame Lösungsansätze
Diskussion in der von ‚Tierärzte ohne Grenzen e.V.‘ geleiteten Arbeitsgruppe zum Thema Hundebandwurm/Echinokokkose

In Planspielen sektorübergreifendes Handeln ausprobieren

Inspiriert von den verschiedenen Vorträgen fanden sich die Teilnehmenden anschließend zu mehreren Arbeitsgruppen zusammen, die bewusst multidisziplinär besetzt waren. Mithilfe von Planspielen, die jeweils auf eine NTD fokussierten, überlegten sie gemeinsam, wie die Bekämpfung konkreter NTDs von ihrer Zusammenarbeit profitieren könne. Die Gruppe, die sich mit der Bekämpfung von Tollwut befasste, stellte schnell fest, dass in den Bekämpfungsstrategien der Länder eine Lücke klafft: Hunde, die die Krankheit häufig auf Menschen übertragen, fallen weder in die Zuständigkeit der Gesundheits- noch der Landwirtschaftsministerien und bleiben daher oft unbeachtet. Eine Möglichkeit, Menschen effektiver gegen Tollwut zu schützen, wäre es nicht nur sie selbst, sondern Hunde gegen Tollwut zu impfen.

Aus den Rückmeldungen der Arbeitsgruppen wurde deutlich, dass sie den Austausch als bereichernd empfanden: „Die Schwarmintelligenz funktioniert in solchen physischen Zusammenkünften wirklich gut!“. Gleichzeitig wurde deutlich, dass derartige Diskussionen und die Zusammenarbeit, die daraus folgen soll, einer Struktur bedürfen, die der Komplexität der verschiedenen Perspektiven und Ansätze gerecht wird. Nur so können aus ersten gedanklichen Ansätzen konkrete Lösungsansätze für und mit den Menschen in den Partnerländern erwachsen und nachhaltig Kapazitäten für die sektorübergreifende NTD-Bekämpfung aufgebaut werden.

Gemeinsam out of the box denken
Abschlussworte Dr. Daniel Eibach

Zeit, gemeinsam ‚out of the box‘ zu denken

Am Ende der Veranstaltung waren sich alle einig: Der Workshop habe gezeigt, wie interessant und produktiv die interdisziplinäre Zusammenarbeit an konkreten Fragestellungen sein kann. Darum müsse sie weitergehen und weitere Kolleg*innen und Organisationen einbeziehen, um ein lebendiges und schlagkräftiges Implementierungsnetzwerk zu NTD-Bekämpfung aufzubauen. In seinen Abschlussworten ermutigte Dr. Daniel Eibach, Seniorberater One Health im Referat 101 des BMZ, die Teilnehmenden, diesen Weg in den kommenden Monaten weiterzugehen.  Dabei sei ‚Out of the Box-Denken‘ und gute Kommunikation mit allen Akteuren und den betroffenen Bevölkerungsgruppen gefragt. Er dankte allen Anwesenden für die produktive Diskussion: „Möglichst viele unterschiedliche Akteure an einen Tisch zu bekommen, das ist auch bei der NTD-Bekämpfung der Schlüssel zum Erfolg!“

Michaela Wilczek
Juni 2022

© GIZ/BMZ, Paul Hahn
© GIZ/BMZ, Paul Hahn
© GIZ/BMZ, Paul Hahn
© GIZ/BMZ, Paul Hahn
© GIZ/BMZ, Paul Hahn
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