Nah am Menschen – trotz physischer Distanz: Psychosoziale Unterstützungsangebote per Telefon oder Videoanruf für Menschen auf der Flucht und aufnehmende Gemeinden im Nahen Osten

Anhaltende Konflikte und die Corona-Pandemie führen dazu, dass immer mehr Menschen im Nahen Osten psychosoziale Unterstützung benötigen. Gleichzeitig erschweren genau diese Probleme, dass entsprechende Hilfen vor Ort und im Präsenzformat angeboten werden können. Eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zeigt Möglichkeiten und Grenzen von psychosozialen Beratungsangeboten, die telefonisch oder online geleistet werden.

Dieser Artikel steht auch auf Arabisch zur Verfügung.

Mitten in der Corona-Pandemie sah sich die in Beirut ansässige Nichtregierungsorganisation (NRO) Embrace Lebanon mit einer zusätzlichen Herausforderung konfrontiert: Während immer mehr Menschen ihre Telefon-Hotline National Lifeline anriefen, standen immer weniger Freiwillige zur Verfügung, um die Anrufe anzunehmen und den Hilfesuchenden emotionale Unterstützung zu geben. Manche von ihnen waren selber an Covid-19 erkrankt, andere hatten den Libanon aufgrund der wirtschaftlichen Krise verlassen. 

„Covid-19 hat alles noch viel schwieriger gemacht: Für uns und für die Menschen, denen wir helfen wollen“, sagt Lea Zeinoun, Direktorin für strategische Partnerschaften bei Embrace Lebanon. „Während des Lockdowns durfte keiner seine Familie und Freunde besuchen, auch nicht die Menschen, die emotionale Unterstützung brauchten. Hinzu kommt, dass wir uns in einer schweren Wirtschaftskrise befinden – und dass das Internet immer wieder zusammenbricht. Die Menschen, die bei uns anrufen, werden immer verzweifelter, egal ob sie hier im Libanon zuhause sind oder auf der Flucht. Es wird immer schwieriger für uns, ihnen die psychologische Hilfe anzubieten, die sie dringend brauchen.“

Operators working on Embrace Lebanon’s Helpline
Freiwillige an der Telefon-Hotline von Embrace Lebanon

Steigende Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung

Unter den psychischen Belastungen durch Lockdown-Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie litten Menschen weltweit, besonders in von Konflikten belasteten Regionen. Flüchtlinge und Binnenvertriebene sind dabei unverhältnismäßig stark betroffen. Laut dem Global Trends-Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) von 2020 geht es um über 82 Millionen Menschen – und es werden immer mehr. Eine Gegend, die besonders betroffen ist, ist der Nahe Osten, insbesondere die Länder, die das vom jahrelangen Krieg zerrüttete Syrien umgeben. Derzeit sind allein in Syrien 6,7 Millionen Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Konflikten. Der benachbarte Libanon hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung die weltweit größte Zahl an Menschen auf der Flucht aufgenommen, etwa 870.000 Menschen. In Jordanien sind ca. 670.000 Flüchtlinge registriert, aber zusammen mit den vielen Schutzsuchenden, die nicht registriert sind, könnten es schätzungsweise sogar bis zu 1,3 Millionen sein – eine große Anzahl für ein Land mit einer Bevölkerung von nur 10,1 Millionen Menschen.

Oft werden Menschen nach ihrer Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Verfolgung von den traumatischen Erinnerungen an das eingeholt, was sie vor und während ihrer Flucht erlebt haben. Die Weltgesundheitsorganisation stellte 2019 fest: Ein Fünftel der Menschen, die in Kriegsgebieten leben, leiden an einer Form von psychischer Erkrankung, zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Posttraumatische Belastungsstörungen.

Im Nahen Osten sind Menschen dreifach belastet

Für Menschen auf der Flucht war es schon immer schwierig, psychosoziale Unterstützung zu erhalten, aber die Corona-Pandemie hat das Problem noch einmal deutlich verschärft. Die Weltgesundheitsorganisation beschrieb 2020 in einem Überblick über 130 Länder, dass die Pandemie weltweit dringend benötigte psychosoziale Unterstützungsdienste zum Erliegen brachte – und das zu einer Zeit, in der sie dringender denn je gebraucht werden.

Amira Al Jamal, die Präsidentin der Organisation One Step Association für psychisch kranke Menschen in Jordanienbestätigt, dass die Pandemie für viele ein schwerer Schlag war: „Während der Pandemie haben für viele Menschen die psychischen Belastungen zugenommen. Dies hat sich auf Depressionen und andere psychische Krankheitsbilder ausgewirkt – es war in jeder Hinsicht eine riesige Herausforderung.“

Im Libanon haben sich die wirtschaftliche, politische und gesundheitliche Krise zu einer dreifachen Belastung summiert, mit der die Menschen schwer zu kämpfen haben, erklärt Lea Zeinoun von Embrace Lebanon. „Für die Menschen, die uns derzeit anrufen, ist die große Unsicherheit das Schlimmste“, sagt sie. „Wie wird die Pandemie weiter verlaufen? Wie wird sich die politische und wirtschaftliche Lage im Libanon und im benachbarten Syrien entwickeln? Nichts ist mehr sicher. Es gibt kaum noch etwas, was die Menschen hoffen lässt.“

Weil psychosoziale Beratungsdienste während der Pandemie nicht im Präsenzformat angeboten werden konnten, hat das Interesse an Telefon- und Videoanruf-basierten Alternativen stark zugenommen. Bis heute ist jedoch nur wenig über Wirksamkeit, Vor- und Nachteile dieser Alternativen in von Konflikten betroffenen Ländern im Nahen Osten bekannt: Sind Therapie und Beratung am Telefon oder in online-Sitzungen genauso hilfreich wie Unterstützungsformate, bei denen ein Berater oder eine Beraterin im selben Raum anwesend istsicherstellen sollten, dass sie ausreichend Gelegenheit für Ruhepausen und für Erholung haben, zum Beispiel durch Rotationen ihrer Dienste und durch Pausen zwischen den einzelnen Beratungen.

Die Studie zeigt auch, dass mehr Forschung zu den psychosozialen Beratungsformaten per Telefon und Video-Anruf im Nahen Osten erforderlich ist. Sie empfiehlt, dass zukünftige Studien auf die spezifischen Bedürfnisse und Interessen der Beratenden und ihrer Nutzerinnen und Nutzer eingehen und ihre Anregungen aufgreifen sollten. Insgesamt sollten Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Beratenden und Forschenden mit klarem Praxisbezug geschaffen werden.

Wie kann es weitergehen?

A drawing depicting the spirit of remote mental health services

„Die Studienergebnisse zeigen, mit wieviel Kreativität und Flexibilität Beraterinnen und Berater, sowie Nutzerinnen und Nutzer, psychosoziale Beratung per Telefon oder Videoanruf möglich gemacht haben“, stellt Miriam Tabin, Beraterin bei der GIZ, fest und fährt fort: „Wir hoffen, dass die Studien-Ergebnisse den Menschen, die diese Formate unter schwierigen Bedingungen anbieten, mehr Sicherheit geben. Und dass sie es Organisationen und politischen Entscheidungsträgern ermöglichen, qualitative hochwertige Beratungsangebote zu gestalten.“ Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit solle die Notwendigkeit psychischer Gesundheitsversorgung und psychosozialer Unterstützungsangebote voll und ganz anerkennen. 

Die Sonderinitiative Flucht des BMZ hat in den vergangenen Jahren ihre Anstrengungen deutlich verstärkt und weltweit rund 70 Projekte beauftragt, die sich mit dem psychosozialen Unterstützungsbedarf von Menschen auf der Flucht und aufnehmenden Gemeinden, die sie aufnehmen, befassen: Zum Beispiel unterstützt das Regionalvorhaben „Psychosoziale Unterstützung für syrische/irakische Flüchtlinge und Binnenvertriebene“ in Jordanien, im Libanon, in der Türkei und im Irak Forschung und Innovation zu virtuellen psychosozialen Unterstützungsangeboten. In Jordanien fördert es die Bereitstellung von psychosozialen Leistungen und Fürsorge für Mitarbeitende des Gesundheitsministeriums, in Syrien Fernschulungen in psychosozialer Beratung für Gesundheitspersonal.

„In den vergangenen zwei Jahren haben wir neben einer beispiellosen Gesundheitskrise eine Zunahme an wirtschaftlicher Not erlebt, und all dies zusätzlich zu Konflikten und Vertreibung“, sagt Elke Löbel, Beauftragte für Flüchtlingspolitik im BMZ. „Es ist daher wichtiger denn je, dass wir uns weiterhin für die psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung einsetzen und unsere gemeinsamen Anstrengungen verstärken. Investitionen in das Wohlbefinden der Menschen, die aufgrund dieser multiplen Belastungen in großer Unsicherheit leben, können dazu beitragen, Gesellschaften zu stärken und Entwicklungsperspektiven zu schaffen.“

Inna Laz und Anna von Roenne, September 2021

Die Studie wird in Kürze auf dieser BMZ-Webseite veröffentlicht.

Für weitere Fragen, kontaktieren Sie bitte johanna.lechner@giz.de und miriam.tabin@giz.de

© @EmbraceLebanon
© Naser Jafer/GIZ

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