In Malawi bringen junge Menschen mit Flugdrohnen Medikamente in abgelegene Gebiete

Ein innovatives Projekt revolutioniert in Malawi den Zugang zu Medikamenten: In einem der ärmsten Ländern der Welt lernen junge Menschen, Flugdrohnen zu steuern, die Gesundheitseinrichtungen in schwer zugänglichen Gebieten mit lebenswichtigen Medikamenten versorgen.

Schlechte Straßen und fehlende Kühlketten erschweren die Versorgung abgelegener Gesundheitszentren in Malawi mit dringend benötigten Medikamenten. Das Projekt „Drone and Data Aid“ setzt jetzt hochmoderne Technologie ein, um dies zu ändern – und bildet dafür junge Menschen zu Drohnenpiloten- und Pilotinnen aus.

Die Begeisterung, die eine laut brummende Drohne bei der 24-jährigen Debora Duwa Mtambalika auslöst, während sie diese geschickt auf dem Aerodrom in Kasungu zur Landung bringt, ist unübersehbar. Debora ist stolz und glücklich, denn seit zehn Monaten geht sie ihrem Traumberuf nach: Als Drohnenpilotin liefert sie lebenswichtige medizinische Hilfsgüter an abgelegene Gesundheitszentren. Die W178-Drohnen, die sie steuert, haben eine Reichweite von bis zu 162 km und gehören damit zu den leistungsfähigsten aller derzeit im Einsatz befindlichen Flugdrohnen dieses Typs. Während einer Tour transportieren sie bis zu sechs Kilogramm an Gütern an bis zu drei verschiedene Orte.

„Bevor wir anfingen, mit den Drohnen zu arbeiten, hatten wir große Probleme bei der regelmäßigen Auslieferung von Medikamenten,“ berichtet Mathias Andmos, der Koordinator für Pharmazie und Drohnen im Bezirk Kasungu. „In der Regenzeit sind viele Straßen überschwemmt und die Krankenwagen erreichen abgelegene Gesundheitszentren dann nicht mehr. Medikamente können dann nur noch per Fahrrad oder zu Fuß ausgeliefert werden, und dies dauert furchtbar lange. Mit dem Drone and Data Aid Projekt können wir jetzt wichtige Medikamente schnell und direkt von Kasungu aus an Einrichtungen liefern, die für uns sonst kaum erreichbar sind.“

Eine intelligente und kostengünstige Lösung zur Verbesserung von Lieferketten

Im Juni 2017 richtete die Regierung von Malawi in Zusammenarbeit mit UNICEF in Kasungu einen Drohnen-Testkorridor ein – den ersten seiner Art in Afrika. Hier wurde der Einsatz von Drohnen für die Lieferung von medizinischen Notfallgütern, Impfstoffen und Test-Kits getestet. Der Korridor ermöglicht es den Drohnen, bei einer Flughöhe von bis zu 400 Metern ein Gebiet von über 5000 km² abzudecken.

Seit November 2020 arbeiten die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und der deutsche Drohnenhersteller Wingcopter im Pilotprojekt Drone and Data Aid zusammen, um flexible und schnelle Medikamentenlieferketten für entlegene Gebiete aufzubauen. Wingcopter ist für den Bau und reibungslosen Betrieb der Drohnen zuständig. Das Projekt wird im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und mit Mitteln der EU durchgeführt.

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Eine weitere Projektidee konnte dank des Wettbewerbs #SmartDevelopmentHack realisiert werden. Der im Frühjahr 2020 vom BMZ und der Europäischen Kommission ins Leben gerufene Wettbewerb zeichnete digitale Innovationen zur Bewältigung von Herausforderungen durch die COVID-19 Pandemie aus. UNICEF und Wingcopter bewarben sich erfolgreich um die Finanzierung für ein Projekt, bei dem Drohnen genutzt werden, um temperaturempfindliche COVID-Impfstoffe von zentralen Apotheken zu abgelegenen Gesundheitszentren zu liefern. Die GIZ übernahm auch die Durchführung dieses Projekts.  

Laut Andi Fisanich, dem Leiter der humanitären Programme bei Wingcopter, besteht der große Vorteil von Drohnen darin, dass sie auf sehr kleinem Raum starten und landen können und außerdem keine komplexe Infrastruktur benötigten. „Wir kommen buchstäblich mit drei Säcken Zement zu den Gesundheitseinrichtungen und bauen dort eine kleine Plattform, auf der die Drohnen landen können – und das war es auch schon! Das Ganze ist sehr kostengünstig, was in einem Land wie Malawi, in dem Mittel für Infrastruktur knapp sind, sehr wichtig ist.“

Das Ziel: Die gesamte Region mit Lieferungen aus der Luft abdecken

Das Pilotprojekt umfasste zunächst nur drei Gesundheitseinrichtungen und fünf weitere kamen kürzlich hinzu. Aktuell ist geplant, Landeplätze an weiteren sieben Einrichtungen zu bauen. Langfristig soll jedoch ein Drohnennetz aufgebaut werden, das die gesamte Zentralregion mit Lieferungen aus der Hauptstadt Lilongwe abdecken kann.

Um die Nachhaltigkeit der Drohnentechnologie-basierten Versorgung sicherzustellen, muss sie rechtlich und verwaltungsbezogen in Malawis staatliche Strukturen integriert werden. „Die Nutzung von Drohnen in der Medikamentenlieferkette muss Teil des Gesundheitssystems werden“, erklärt Charles Matemba, der leitende technische Berater der GIZ für das Drone and Data Aid Projekt. Anfang 2021 wurde daher ein Ausschuss gegründet, in dem das Gesundheitsministerium, Malawis Arzneimittelbehörde, seine Apotheken und Bluttransfusionsdienste gemeinsam an diesem Ziel arbeiten.

Auf Tuchfühlung mit dem unbekannten Flugobjekt

Community sensitisation meetings enable people to touch the drones, ask questions and see how they work
Bei Veranstaltungen in Dörfern können die Menschen die Drohnen anfassen, Fragen stellen und mehr darüber erfahren, wie sie funktionieren

Laut Hastings Jailosi, dem Leiter des Flugbetriebs beim Ministerium für Zivilluftfahrt, besteht eine der größten Herausforderungen darin, die Landbevölkerung, die noch nie eine Drohne gesehen hat, mit diesen vertraut zu machen: „Wir hatten in der Vergangenheit Probleme damit, dass die Leute Drohnen für eine Art Hexerei hielten und sie sogar beschädigten, sobald sie in ihrer Nähe landeten.“

Seither veranstaltet das Projekt Aufklärungstreffen in den umliegenden Dörfern, bei denen Menschen die Drohnen anfassen, Fragen stellen und mehr darüber erfahren können, wie sie funktionieren. Theateraufführungen, Radiobeiträge, Interviews und eine Telefon-Hotline helfen dabei, Bedenken und Aberglaube der Bevölkerung zu überwinden. „Inzwischen sind die Menschen wirklich dankbar für die Drohnen“, sagt Mathias Andmos. „Sie wissen, dass sie jetzt nicht mehr wochenlang auf lebenswichtige medizinische Güter warten müssen, weil die Drohnen sie innerhalb weniger Stunden an die Gesundheitszentren liefern können.“

Aufbau wichtiger Lieferketten in der Pandemie

Die COVID-19 Pandemie hat das Projekt vor neue Herausforderungen gestellt. So mussten z.B. Aufklärungsveranstaltungen vorübergehend eingestellt werden, um große Menschenmengen zu vermeiden. Die Pandemie hat aber auch den großen Nutzen der Drohnen noch deutlicher gemacht. Schnelle und reibungslose Lieferketten sind entscheidend für die Auslieferung von COVID-19-Impfstoffen, die bei sehr niedrigen Temperaturen gelagert werden müssen. Das Projektteam in Malawi plant daher aktuell, wie die Verteilung der Impfstoffe per Drohne sichergestellt werden kann, sobald die Vakzine zur Verfügung stehen. Wie in weiten Teilen Afrikas ist dies aktuell leider auch in Malawi noch nicht der Fall.

Eine Akademie für Himmelstürmer

Bisher kamen die meisten Experten und Expertinnen für Drohnentechnologie aus dem Ausland. Das Projekt will daher an der Afrikanischen Drohnen und Daten Akademie (African Drone and Data Academy, ADDA) – der ersten ihrer Art auf dem Kontinent – die lokalen Kapazitäten auf diesem Gebiet deutlich ausbauen. Die 2020 gegründete Akademie in Malawis Hauptstadt Lilongwe schult Studierende aus Malawi und (sofern die COVID-Reisebeschränkungen dies zulassen) aus ganz Afrika. Auf dem Lehrplan stehen Themen wie Fernsteuerung, Drohnendesign und -technik sowie die Analyse der von Drohnen erfassten Daten. Lokale und internationale Universitäten arbeiten mit der Akademie zusammen, die von UNICEF unterstützt wird. Für ausgewählte Studierende stehen Vollstipendien zur Verfügung.

„Neben der Verbesserung der Lieferketten wollen wir einen Pool qualifizierter Fachkräfte aufbauen, die als Piloten und Pilotinnen, im Projektmanagement und als Sicherheits- und Wartungspersonal eingesetzt werden können.“, erklärt Charles Matemba von der GIZ. Bis 2022 will die Akademie in Zusammenarbeit mit der Malawi University of Science and Technology einen zweijährigen Masterstudiengang in Drohnentechnologie aufsetzen.

Die dreiundzwanzigjährige Memory Sidira aus Rumphi im Norden Malawis ist eine von zehn jungen Frauen und sechs Männern, die derzeit im zweiten Jahrgang der Akademie eingeschrieben ist. Sie hat einen Abschluss in Forstwirtschaft vom Lilongwe College of Agriculture and Natural Resources und hat sich im vergangenen März bei der Akademie beworben. Nach einigen Verzögerungen aufgrund von COVID-19 hat sie einen Online-Einführungskurs absolviert und nimmt nun an dem fünfwöchigen Präsenzkurs teil, in dem sie alles über Aerodynamik, Physik, Flugleistung und Wettermuster lernt. Außerdem übt sie, wie man Drohnen mit 3D-Druckern entwirft und Prototypen aus lokalen Materialien wie Pappe und Holz baut. „Alles ist so intensiv und aufregend. Es ist eine großartige Gelegenheit für mich persönlich und gleichzeitig eine tolle Plattform für uns als afrikanische Jugend.“

Frauen und Männer werden gleichberechtigt zu Pilotinnen und Piloten ausgebildet

Memory findet es besonders gut, dass so viele junge Frauen den Kurs besuchen: „Das ist genau der richtige Weg: Es ist so wichtig, dass Frauen merken, dass sie die gleichen Fähigkeiten und Potentiale mitbringen wie Männer.“ Sie möchte als Drohnenpilotin Karriere machen und dann ein eigenes Unternehmen gründen, das Dienstleistungen für den Umweltsektor anbietet: „Die Branche ist neu, aber die Möglichkeiten sind da. Ich bin mir sicher, dass der Markt dafür bereit ist.“

Frühere ADDA-Absolventen und Absolventinnen wie Debora Duwa Mtambalika arbeiten inzwischen für Wingcopter und andere Drohnenprojekte. „Es war ein ziemlich anspruchsvoller Kurs, aber es war wirklich spannend und eine sehr gute Erfahrung.“, sagte Debora. Sie ist ehrgeizig und möchte als Nächstes den Masterstudiengang in Drohnentechnologie absolvieren: „Drohnen könnten Malawi technologisch ins 21. Jahrhunderts katapultieren.“

Aufbau eines nationalen Drohnennetzes

Das Projekt Drone and Data Aid sei eine großartige Initiative, sagt Hastings Jailosi. „Wir sehen es für Malawis Entwicklung als einen wichtigen Meilenstein und freuen uns, Teil dieses einzigartigen Projekts zu sein.“ Die Regierung und die Entwicklungspartner sind entschlossen, ein nationales Drohnennetz aufzubauen und die Technologie für Gesundheitsvorsorge, Katastrophenhilfe, Erstellung von Luftbildern und viele weitere Bereiche zu nutzen. Hastings ist der festen Überzeugung, dass sich die Drohnentechnologie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Malawis entwickeln könnte.

Ob dies gelingt, ist auch von der weiteren Finanzierung und der technischen Entwicklung der Drohnen abhängig. Wenn das Projekt Drone and Data Aid auf das ganze Land ausgeweitet werden soll, benötigen die Drohnen eine größere Flugreichweite als die bislang 162 km. Wingcopter hat bereits an einem neuen Prototyp, dem Typ W198, gearbeitet, der derzeit in Deutschland getestet wird und wesentlich größere Entfernungen überwinden kann. Vier der neuen Drohnen wurden bereits für Malawi reserviert – dem ersten Land, in dem das neue Modell eingesetzt wird. „Der neue Drohnen-Typ wird unsere Arbeit enorm erleichtern“, sagt Andi Fisanich von Wingcopter. „Größere Drohnen können umfangreichere Lasten transportieren und weiter fliegen, was die Betriebskosten deutlich senken wird.“

Der Anfang einer schönen Geschichte…

Die Drohnen- und Datenakademie hat viele ihrer Absolventen, wie z.B. Thumbiko Nkwawa Zingwe, dazu inspiriert, nach den Sternen zu greifen: „Ich träume davon, dass ich Malawis erste Weltraumagentur gründen werde, die dann Geoinformationsdaten für verschiedene Anwendungen nutzen wird. Ich glaube nicht mehr, dass wir dazu verdammt sind, arm zu sein. Unser größter Reichtum ist schließlich unser Verstand. Wenn wir ihn einsetzen, können wir alles erreichen, was wir wollen. Die Drohnenindustrie hat sehr viel Potenzial und ich freue mich darauf, mein Land dabei zu unterstützen, das Beste auf dieser Technologie rauszuholen.“

Thumbiko glaubt daran, dass Malawi sich aus einem der ärmsten Länder der Welt in ein fortschrittliches High-Tech-Zentrum verwandeln kann: „Wie Watanda im Film Black Panther! Unser Himmel wird irgendwann voll fliegender Roboter und Drohnen sein“. Schließlich habe Malawi sich gerade zum führenden Testgebiet für neue Drohnentechnologie in Afrika entwickelt: „Wir haben bereits die Grundpfeiler geschaffen. Ich bin mir sicher: Dies ist der Anfang einer schönen Geschichte, die ein wunderbares Ende haben wird.“

Ruth Evans, Juli 2021 

© Wingcopter

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