In Nepal hat die erste Generation qualifizierter Hebammen die Arbeit aufgenommen

Die nepalesische Regierung plant, Tausende Hebammen auszubilden, um die Gesundheitsversorgung von Schwangeren, Müttern und Neugeborenen landesweit zu verbessern. Die ersten Absolventinnen der Ausbildungsprogramme, die mit deutscher Hilfe ins Leben gerufen wurden, haben bereits ihren Dienst angetreten.

Die neun jungen Frauen in ihren frisch gestärkten weiß-rosa Uniformen strahlten vor Stolz, als sie im Januar 2020 von der National Academy of Medical Sciences in Nepals Hauptstadt Kathmandu ihre Zeugnisse überreicht bekamen. Nach drei Jahren harter Arbeit hatten sie ihren Bachelor-Abschluss in Hebammenkunde erreicht und freuten sich darauf, als erste professionell ausgebildete Hebammen ihres Landes ins Berufsleben einzusteigen. 

Ihre Graduierungsfeier war nicht nur für die frisch gebackenen Absolventinnen, sondern auch für ihre Lehrkräfte und alle Partner, die mehrere Jahre lang für die Einrichtung dieses Ausbildungskurs gearbeitet hatten, ein wichtiges Ereignis.  

Ein neues Berufsbild für Nepals Gesundheitssystem

A midwifery student on clinical placement helps a new mother establish breastfeeding
Eine Studentin im klinischen Praktikum unterstützt eine junge Mutter beim Stillen ihres Neugeborenen

Die Reise begann im Jahr 2006, als das nepalesische Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung beschloss, in Nepal das Berufsbild der professionellen Hebamme ins Leben zu rufen. Dieser Schritt war nötig, um eine hochwertige Gesundheitsversorgung für Frauen und Neugeborene insbesondere in ländlichen Gebieten zu gewährleisten. Bisher wurden und werden Schwangerenvor- und Nachsorge und Geburtshilfe meist von Krankenschwestern und Hilfshebammen erbracht, die hierfür zwar eine Basisausbildung erhalten haben, denen aber die nötigen Kompetenzen und der Erfahrungsschatz fehlen, um mit Komplikationen umzugehen.

Laxmi Tamang
Laxmi Tamang

„In der Vergangenheit wurde zwar viel in Fortbildungen im Bereich der Geburtshilfe investiert, aber dies brachte nicht die erhofften Ergebnisse“, erklärt Dr. Laxmi Tamang, die Präsidentin des nepalesischen Hebammenverbandes. „Nepal hat eine hohe Totgeburtenrate und die Zahl der Kaiserschnitte nimmt zu. Hier kommen die Hebammen ins Spiel.“

Wenn Hebammen gut ausgebildet sind und in interdisziplinären Teams arbeiten, können sie 90 Prozent der wesentlichen sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen abdecken. Sie verfügen über die notwendigen Kompetenzen, um normal verlaufende Schwangerschaften und Entbindungen zu betreuen und darüber hinaus Komplikationen zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Ein Bachelor-Studiengang in Hebammenkunde

Um professionelle Hebammen in großer Zahl einsetzen zu können, müssen sie zunächst ausgebildet werden. Das Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung in Nepal beschloss daher zusammen mit dem Hebammenverband und mit Unterstützung des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (United Nations Population Fund, UNFPA) und des Internationalen Hebammenverbandes (International Confederation of Midwives, ICM) einen nepalesischen Bachelor-Studiengang in Hebammenkunde zu entwickeln: ein dreijähriges kompetenzbasiertes Ausbildungsprogramm, das sich an internationalen Standards orientiert.

Midwifery students during clinical placement
Angehende Hebammen während ihres klinischen Praktikums

Hierfür wurden mehrere Institute mit der Konzeption und Durchführung von Kursen beauftragt und mit Krankenhäusern geklärt, wie Hebammenschülerinnen bei ihnen klinische Praktika absolvieren könnten. Zugangsvoraussetzungen für angehende Hebammen wurden definiert und eine Liste an Kompetenzen zusammengestellt, die Studierende im Laufe ihrer Ausbildung vermittelt werden sollten.

Im Jahr 2016 konnte dann der erste Studiengang an der University School of Medical Sciences in Kathmandu starten. Programme an der National Academy of Medical Sciences und an der Karnali Academy of Health Sciences folgten 2017 bzw. 2018. Bis 2021 waren mehr als 100 Studierende in die drei Studiengänge eingeschrieben und jedes Jahr kommen 70 weitere hinzu.

Unterstützung der Lehrkräfte

Das Projekt „Unterstützung des Gesundheitssektorprogramms in Nepal“ (Support to the Health Sector Program, S2HSP), das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchgeführt wird, war von Beginn an ein wichtiger Partner für all diese Initiativen.

Oberste Priorität war zunächst die Ausbildung der Lehrkräfte. „Als die Studiengänge begannen, gab es in Nepal keine ausgebildeten Lehrkräfte für Hebammen – das ganze Berufsbild war ja neu“, erklärt Dr. Arpana Kalaunee, eine technische Beraterin des GIZ-Vorhabens. Dieses organisierte daher in Zusammenarbeit mit UNFPA eine Reihe 14-tägiger Schulungen, bei denen die zukünftigen Lehrkräfte zunächst in die Grundsätze der Hebammenarbeit eingeführt wurden.

Eine entscheidende Rolle spielten auch die internationalen Geburtshilfeexperten- und expertinnen, die das GIZ-Vorhaben den Hebammenlehrkräften vor Ort an die Seite stellte und die sie auch bei der Entwicklung des Lehrplans unterstützten. Als diese Expertinnen während der COVID-Pandemie nicht mehr einreisen konnten, leisteten sie von der University of Bournemouth und der Liverpool School of Tropical Medicine aus kontinuierlich auf virtuellen Wegen Unterstützung.

Wie vermittelt man die Arbeitsweise echter Hebammen?

Margaret Walsh in Kathmandu
Margaret Walsh in Kathmandu

Während die Theorie des Hebammenmodells in einem Klassenzimmer erklärt werden kann, kann die Praxis nur vermittelt werden, wenn Auszubildende erfahrene Hebamme bei der Arbeit begleiten. Eben dies ermöglichten die internationalen Hebammen durch ihre Einsätze in Nepal. So konnten Studierende von 2017 – 2020 tagtäglich an der Seite von Margaret Walsh arbeiten, einer sehr erfahrenen und von ihrem Berufsethos durchdrungenen britischen Hebamme.

„Die Studierenden und Lehrkräfte einfach miterleben zu lassen, wie eine Hebamme in ihrem Berufsalltag arbeitet, hat viel bewegt“, erklärt Walsh im Rückblick auf ihre Erfahrungen in Nepal. „Denn es fehlte ihnen ja einfach an Vorbildern. Eine Hebamme inmitten der nepalesischen Schwangeren und Mütter in Aktion zu sehen, führte immer wieder zu wichtigen Aha-Momenten.“

Frauen stehen im Mittelpunkt

Eine der Studentinnen, die hiervon profitieren konnte, ist Prasansha Budha Lama, die 2020 ihren Abschluss machte und jetzt als Hebamme im Paropakar Women’s and Maternity Hospital in Kathmandu arbeitet. Budha Lama, die 2020 als zu einer der 100 weltweit herausragendsten Krankenschwestern und Hebammen gekürt wurde, erfuhr dabei aus erster Hand, was es bedeutet, frauenzentrierte Dienstleistungen anzubieten: „Durch die Arbeit mit den Gasthebammen wurde mir klar, dass wir den Frauen, denen wir helfen, sehr nahe sein müssen“, erklärt sie. „Wir müssen auf viele Aspekte achten und sie und ihre Familienangehörigen in den Betreuungsprozess einbeziehen“. Sie erlebte, wie kleine Veränderungen – wie das Anbringen von Sichtschutzvorhängen in Entbindungsstationen und die Erlaubnis für Ehemänner und Partner, bei Geburten anwesend sein zu dürfen – dazu führten, dass sich die Frauen entspannter und sicherer fühlten.

Maiya Shobha Manandhar
Maiya Shobha Manandhar

Maiya Shobha Manandhar, eine der Hebammenlehrkräfte der National Academy of Medical Sciences, sieht dies ähnlich. „Margaret war einfach sehr klar, was die Rolle der Hebammen betrifft. Sie hat uns gezeigt, was es bedeutet, sich wirklich für Frauen einzusetzen“, berichtet sie. „Und sie hat uns ermutigt, eine Reihe von schädlichen Praktiken in Frage zu stellen und Tabus zu brechen“. All dies sind Gründe für die hohe Motivation ihrer Studierenden, sagt Manandhar. „Sie sind begeistert von der Aussicht, selbstständig in der Geburtshilfe arbeiten zu können. Und mit der theoretischen und der praktischen Ausbildung, die sie hier bekommen, sind sie dazu auch in der Lage“.

Im Simulationslabor wird für den Ernstfall geprobt

Ein weiterer Beitrag der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zur Ausbildung der Hebammen sind simulationsgestützte Ausbildungsmethoden. Durch eine Entwicklungspartnerschaft mit Laerdal Medical, dem weltweit größten Hersteller von Übungspuppen und Patientensimulatoren, konnte das GIZ-Vorhaben Simulationslabore an zwei der Ausbildungsstätten einrichten. Über 80 Hebammenlehrkräfte sind inzwischen darin ausgebildet, Simulationstechniken in ihren Unterricht zu integrieren.

„Das Simulationslabor hat die Art und Weise, wie wir Studierende in Geburtshilfe unterrichten, völlig verändert“, berichtet Jyotsana Twi Twi, die Koordinatorin des Labors. „Die Puppen sind so lebensecht, dass sich die Studierenden wirklich gut vorbereitet fühlen, wenn sie ihre klinischen Praktika beginnen“. Die Labore werden mittlerweile nicht nur von Hebammenschülern- und schülerinnen, sondern auch von Krankenpflege- und Medizinstudierenden genutzt.

Nursing students train in KUSMS simulation lab
Studentinnen im KUSMS Simulationslabor

Zusätzliche Wege in den Hebammenberuf

Jetzt, da die ersten drei Hebammen-Studiengänge etabliert sind und laufen (und ein vierter am BP Koirala Institute of Health Sciences genehmigt wurde), ist der nächste Schritte die feste Verankerung des Hebammenversorgungsmodells im nepalesische Gesundheitssystem. Die nepalesische Regierung sieht hierfür in ihrem „Fahrplan 2030 für eine sichere Mutterschaft und die Gesundheit von Neugeborenen“ die landesweite Einrichtung von Entbindungsstationen vor, die ausschließlich von Hebammen geleitet werden und bis zu 300 Geburten pro Monat betreuen können. Um diese in Betrieb nehmen zu können, werden jedoch viel mehr professionell ausgebildete Hebammen benötigt, als in absehbarer Zeit von den laufenden Studiengängen ausgebildet werden können.

Aus diesem Grund arbeitet das GIZ-Vorhaben mit dem Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung sowie mit anderen Partnern an der Entwicklung zusätzlicher Wege in den Hebammenberuf. Einer davon ist ein dreijähriges Zertifikatsprogramm, das Hilfskrankenschwestern und -pflegern, aber auch Berufsanfängern und -anfängerinnen offenstehen würde. Ein weiterer ist ein „Brückenkurs“, der zertifizierte Krankenschwestern und Krankenpfleger in einer 12- bis 18-monatige Zusatzausbildung zu Hebammen umschult.

Die Motivation ist da

Die Einrichtung dieser zusätzlichen Einstiege in den Hebammenberuf wird Nepal dem Ziel, Schwangeren ein landesweites Netz Hebammen-geleiteter Entbindungsstationen anbieten zu können, ein großes Stück näherbringen. Bis dahin sind jedoch noch viele Herausforderungen zu bewältigen, nicht zuletzt die Schaffung der erforderlichen Räumlichkeiten in bestehenden Gesundheitszentren und Krankenhäusern. Dr. Laxmi Tamang vom nepalesischen Hebammenverband ist überzeugt, dass sich das Land auf dem richtigen Weg befindet. Die ersten qualifizierten Hebammen sind bereits im Einsatz und immer mehr Krankenschwestern und -pfleger interessieren sich für die Möglichkeit, sich umschulen zu lassen. „Die Motivation ist da“, sagt sie. „Immer mehr Menschen in Nepal finden Ihren Weg in den Hebammenberuf“.

Karen Birdsall
September 2021

© GIZ/Umong Shahi
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© Margaret Walsh
© GIZ/Umong Shahi
© GIZ/Umong Shahi

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