Internet für Malawis Distriktkrankenhäuser: Die beschwerliche letzte Meile

Dedza District hospital is bristling with antennae

Um ihre Patientinnen und Patienten besser versorgen zu können, benötigen Gesundheitsfachkräfte Zugang zu Gesundheits-Daten in Echtzeit. Ein GIZ-Vorhaben sorgt dafür, dass ab sofort auch Gesundheitseinrichtungen in den Distrikten mit den im Land verfügbaren IT-Systemen arbeiten können.

Das Distriktkrankenhaus von Dedza ist ein typisches einstöckiges, rotes Backsteingebäude direkt an der Nord-Süd-Hauptverkehrsader M1 in Zentral-Malawi. Sein Einzugsgebiet umfasst 730.000 Menschen. 34 umliegende Gesundheitszentren überweisen die Fälle, die sie nicht selbst behandeln können, hierhin. Das Bezirkskrankenhaus unterscheidet sich in einem Punkt von anderen Bezirkskrankenhäusern Malawis: Seit Kurzem sind auf dem Dach Mobilfunkantennen installiert, die es mit den digitalen Informationssystemen der Regierung verbinden.

Man würde meinen, dass die Digitalisierung in einem Gesundheitssystem, das mit extremer Mittelknappheit zu kämpfen hat, nicht ganz oben auf der Prioritätenliste steht: Im Bezirkskrankenhaus in Dedza betreuen zum Beispiel nur drei diensthabende Krankenschwestern an einem Wochenende oft mehr als 60 Geburten. In ganz Malawi ist ein Arzt oder eine Ärztin für etwa 80.000 Menschen zuständig, im Vergleich zu 400-600 in Europa. 

Nur: Wie soll die Gesundheitsversorgung eines Landes verbessert werden, solange die Daten seiner Distriktkrankenhäuser nicht in den digitalen Informationssystemen abgebildet sind? Wer Malawis Gesundheitssystem digitalisieren möchte, muss zwangsläufig die letzte digitale Meile gehen – direkt bis zu den Patienten und Patientinnen in den Distrikten.

Technologisch Schritt halten bei knappen Ressourcen 

Malawi arbeitet seit einiger Zeit mit dem Gesundheitsmanagement-Informationssystem DHIS2. Daten von Patienten und Patientinnen werden auf Papier erfasst, über die Distriktebene weitergeleitet und schließlich im zentralen Datenspeicher des Ministeriums digital erfasst. Bisher hatte das Personal in den Krankenhäusern jedoch keinen Zugriff auf die gebündelten DHIS2-Daten und konnte sie nicht nutzen, um die Qualität der ärztlichen Versorgung zu verbessern. Eine gut ausgebaute IT-Infrastruktur in den Gesundheitszentren und Bezirkskrankenhäusern und ihr Anschluss an das Breitband-Internet könnten dies ändern. Genau darum geht es bei dem Projekt in Dedza, das vom malawisch-deutschen Gesundheitsprogramm (Malawi German Health Programme / MGHP) umgesetzt wird.

Bereits kurz nach der Jahrtausendwende hat die malawische Regierung ein digitales Netzwerk für staatliche Behörden aufgebaut. Das sogenannte „Government Wide Area Network“ (GWAN) reicht bis in die Regierungsgebäude der 28 malawischen Regierungsbezirke. Um nun auch die letzte Meile zu überwinden, sodass auch das Personal in Bezirkskrankenhäusern Zugang zum Internet und den nationalen Gesundheitsdatensystemen hat, mussten sich die Einrichtungen in den Bezirken eigenständig technische Partner suchen. Das malawisch-deutsche Gesundheitsprogramm ist 2019 als Partner eingestiegen und hat seitdem für den Anschluss des Bezirksgesundheitsamts und des Bezirkskrankenhauses in Dedza gesorgt.  

Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) stärkt das malawisch-deutsche Gesundheitsprogramm das Gesundheitssystem in den Regierungsbezirken Lilongwe, Dedza, Mchinji und Ntcheu insbesondere im Bereich Mutter- und Neugeborenengesundheit. „Eine zuverlässige IT-Infrastruktur und eine kostengünstige Internetverbindung für die Gesundheitseinrichtungen sind aus zwei Gründen unerlässlich“, erklärt Programmleiter Kai Strähler-Pohl. „Erstens kann das Gesundheitspersonal auf die Daten zugreifen, die sie für die Diagnose und Behandlung bestimmter Patientinnen und Patienten benötigen. Und zweitens können die Teams in den Gesundheitseinrichtungen die gebündelten Daten von DHIS2 für eine evidenzbasierte Planung und Überwachung der Versorgungsqualität nutzen. Unser Projekt unterstützt beides. Der Anschluss an das digitale Netz ist hierfür die Grundvoraussetzung, also fangen wir damit an.“

Das Bezirkskrankenhaus in Dedza ist die erste Gesundheitseinrichtung, die digital angeschlossen wurde und damit Blaupause für die zukünftige digitale Vernetzung zahlreicher weiterer dezentraler Einrichtungen des malawischen Gesundheitssystems. Insgesamt sollen mit Hilfe des malawisch-deutschen Gesundheitsprogramms und einem Budget von 120.000 EUR 40 Gesundheitseinrichtungen an das Regierungsnetz angeschlossen werden. 

Auswirkung des digitalen Anschlusses

In einem kleinen Büro im Bezirkskrankenhaus Dedza sind Jumphani Kalua, Beauftragter für das Gesundheitsinformationssystem und seine Assistentin Veronica Madengere damit beschäftigt, die aktuellen Statistiken in den zentralen Datenspeicher des DHIS2 hochzuladen. Das Krankenhauspersonal hat jetzt mobilen Zugriff auf diese Daten, kann Probleme schneller erkennen und damit umgehen, um so die Qualität der Gesundheitsdienste zu verbessern. 

„Jetzt müssen wir nicht mehr darauf warten, dass jemand uns Informationen, die wir aus dem DHIS2 brauchen, ausdruckt und sendet. Wir können sie jetzt selber jederzeit abrufen und damit arbeiten“, sagt Misha Stande, die leitende Amtsärztin im Regierungsbezirk Dedza. Jeder Todesfall bei Müttern und Neugeborenen, der im System auftaucht, wird auf diese Weise jetzt sofort geprüft. „Es ist wirklich hilfreich, jederzeit Zugriff auf wichtige Informationen zu haben, sowohl auf der Station als auch im Büro. Und es ist auch viel einfacher, die Daten zu teilen. Das Gesundheitspersonal fühlt sich damit auch stärker verantwortlich für die Ergebnisse der eigenen Arbeit, die die Daten widerspiegeln“, sagt Stande. 

How the ‘last mile‘ was connected in Dedza
Wie die letzte Meile in Dedza umgesetzt wurde

Auch die Weitergabe von Krankenhausdaten an die Gesundheitsbehörden klappt jetzt besser. Seitdem die Krankenhäuser in Dedza an das Regierungsnetz angeschlossen sind, hat sich die Vollständigkeit und Aktualität der meldepflichtigen Daten merklich verbessert. 

Was waren die größten Herausforderungen?

Anfangs haben vor allem häufige Stromausfälle die neue Internetverbindung beeinträchtigt. Aber die Situation hat sich verbessert. Um die Stromversorgung zu verbessern, hat das malawisch-deutsche Gesundheitsprogramm begonnen, Systeme zu entwickeln, die auch unabhängig vom Stromnetz funktionieren, etwa Solar- und Hybridsysteme, die durch eine Kombination aus Netz- und Solarenergie geladen werden. Außerdem wurden Upload-Zeiten von 18 bis 24 Stunden im System eingeplant, um Datenverluste bei Stromausfällen zu vermeiden. 

Daten werden überall gebraucht

It is now easier to share and make use of data in Dedza
It is now easier to share and make use of data in Dedza

„Daten sind wirklich wichtig und werden überall gebraucht”, sagt Misha Stande. “Auch wenn sie teuer sind – auf lange Sicht ist das ein Preis, den wir zahlen müssen.” Sie glaubt, dass Initiativen wie die des malawisch-deutschen Gesundheitsprogramms in Dedza auch dazu beitragen können, einige der Probleme zu lösen, die sich aus der chronischen Mittelknappheit ergeben. Ein digitales Patientenregister zum Beispiel würde Papier und Zeit sparen und damit Mittel freisetzen, die anderweitig dringend gebraucht werden.

Ein modular aufgebautes elektronisches Patientenregister steht tatsächlich als nächstes auf der Agenda des malawisch-deutschen Gesundheitsprogramms. Konzeption, Erprobung und Implementierung werden voraussichtlich im Jahr 2023 abgeschlossen sein – mit großem Nutzen für die Gesundheitsfachkräfte. Es wird sie zum Beispiel an anstehende Impfungen für registrierte Kinder erinnern. Die Fachkräfte können dann die Eltern kontaktieren, um sicherzustellen, dass das Kind die nächste Impfung rechtzeitig bekommt. Darüber hinaus können die Daten direkt an das nationale Gesundheitsinformationssystem übertragen werden, sodass die Gesundheitsbehörden täglich Daten über das Krankheitsgeschehen in den Distrikten erhalten anstatt, wie bisher, nur einmal im Monat. Dies kann besonders beim Erkennen und Management von Epidemien hilfreich sein. 

„Erste Module des E-Registers werden derzeit in der Kinderklinik, in der Schwangerenvorsorge und im Kreißsaal eingesetzt“, sagt Strähler-Pohl. „Ein Modul für die Ambulanz ist in der Entwicklung.“ Verschiedene Module lassen sich miteinander verknüpfen und ergeben eine komplette elektronische Patientenakte, auf die alle Gesundheitsfachkräfte zugreifen können. „Überweisungen zwischen den Abteilungen, aber auch zwischen Kliniken, würden so erheblich vereinfacht und dies spart viel Zeit, etwa bei der Anamnese. Die Standardisierung von Arbeitsschritten durch die Eingabemaske unterstützt zudem die Qualitätssicherung der Gesundheitsleistungen“, so Straehler-Pohl.

Ruth Evans
September 2019

© GIZ
© GIZ/Timothy Chikupetha

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