Wie können Schulen trotz Pandemie geöffnet bleiben?

Indonesien macht es vor

Um nach einem ‚Lockdown‘ wieder zu öffnen – und dann auch geöffnet zu bleiben – müssen Schulen auf der ganzen Welt strenge Hygienestandards einhalten. In Indonesien helfen einfache Checklisten den Schulgemeinschaften hierbei. Andere Länder, wie z.B. Malawi, wollen diesen Ansatz jetzt aufgreifen.

Septya Ramadine Ashya, eine Schülerin der Siswa-Schule in Indonesien, freut sich, dass ihre Schule nach monatelanger COVID-19-bedingter Schließung endlich wieder geöffnet ist. Wie Millionen von Schülerinnen und Schülern von Bandung bis Blantyre und Berlin hat sie in den vergangenen zwei Jahren katastrophale Beeinträchtigungen ihrer Bildung hinnehmen müssen.

Über 60 Millionen Schülerinnen und Schüler in Indonesien waren im März 2020 von landesweiten Schulschließungen betroffen. Sie verloren nicht nur den Zugang zum Unterricht, sondern kämpften – wie Kinder auf der ganzen Welt – auch mit den psychischen und emotionalen Folgen der sozialen Isolation. Ein neuer UNICEF-Bericht beschreibt die schwerwiegenden Auswirkungen der Pandemie auf Indonesiens Kinder, inklusive auf ihre Lernergebnisse, da die Schulschließungen zu einer erhöhten Schulabbrecherquote führen.

Obwohl die indonesische Regierung schon im April 2021 Leitlinien für die Wiederaufnahme des Präsenz-Unterrichts herausgegeben hat, zögerten viele lokale Behörden, die Verantwortung für deren Umsetzung in die tägliche Praxis zu übernehmen. Bis zum 6. September 2021 hatten nur 39 % der Schulen wieder in begrenztem Umfang mit Präsenz-Unterricht begonnen. Da viele Kinder nicht an digitalen Unterrichtsangeboten teilnehmen konnten, haben die Unterbrechungen der letzten anderthalb Jahre sich zunehmend negativ auf ihre Lernbiographien ausgewirkt.

COVID hat gezeigt, dass Waschräume ebenso wichtig sind wie Klassenräume

Schulen zu schließen ist einfach. Sie während einer Pandemie wieder zu öffnen und offen zu halten, ist eine komplexere Aufgabe. Nach Angaben des Joint Monitoring Programme von WHO und UNICEF verfügen weltweit nur 57 % aller Schulen über eine grundlegende Hygiene-Infrastruktur. Schätzungsweise 818 Millionen Schülerinnen und Schüler können sich in der Schule ihre Hände nicht mit Wasser und Seife waschen, was die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten erschwert. Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass funktionierende Waschräume in Schulen genauso wichtig sind wie Klassenräume.

Für das Regionalprogramm Fit for School war die Bedeutung von Wasser-, Sanitär- und Hygiene-Angeboten (WASH) in Schulen schon lange vor dem Beginn der COVID-19-Pandemie klar. Das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchgeführte Programm unterstützt die Bildungsministerien in Kambodscha, Indonesien, Laos und auf den Philippinen dabei, Anreize für Verbesserungen der WASH-Angebote in Schulen zu schaffen und diese regelmäßig zu prüfen. Fit for School fokussiert in seinen Partnerländern auf die Einführung kostengünstiger Routinemaßnahmen – wie regelmäßiges gemeinsames Händewaschen, Zähneputzen und Entwurmung –, die es Schulen ermöglichen, die allgemeine Gesundheit und damit auch die Lernfähigkeit und Lernergebnisse ihrer Schülerinnen und Schüler zu verbessern.

WASH-Investitionen und Wartung von Sanitäranlagen gehören in jedes Schulbudget

Fit for School bietet einen nachhaltigen Ansatz zur Verbesserung von WASH in Schulen, indem es ihnen zeigt, wie sie mit ihrer vorhandene Infrastruktur praktische Maßnahmen umsetzen und mit einem hierfür entwickelten Kalkulationsinstrument WASH-Investitionen und Instandhaltungskosten in ihr Jahresbudget integrieren können. ‚Es wird immer deutlicher – vor allem angesichts der enormen Herausforderungen, die COVID-19 mit sich bringt –, dass Infrastrukturinvestitionen allein nicht ausreichen,‘ sagt Bella Monse, leitende Beraterin des Regionalen Fit for School-Programms. ‚Sie bieten nur sehr kurzfristige Lösungen, wenn es keinen systematischen Ansatz für die Wartung und Verwaltung von Hygieneeinrichtungen gibt. Wir sehen derzeit, dass viele der neuen Schultoiletten, die mit zusätzlichen COVID-19-Mitteln gebaut wurden, bereits baufällig sind, weil niemand daran gedacht hat, ihre regelmäßige Wartung in die Schulbudgets aufzunehmen.‘

Mit Fit for School können indonesische Schulen wieder öffnen und geöffnet bleiben

Fit for School arbeitet mit Schulen in ganz Indonesien daran, einfache Maßnahmen zur Verbesserung der WASH-Situation in Schulen einzuführen, damit die Kinder auch während der COVID-19 Pandemie sicher in ihre Klassenzimmer zurückkehren können. Die nationalen Richtlinien für die Wiedereröffnung von Schulen wurden in einfache Schritte übersetzt, die Lehrer, Eltern und Schüler ergreifen können, um ein sicheres Lernumfeld zu schaffen. Dabei helfen ihnen drei praktische Checklisten, mit denen die Hygiene- und Sicherheitsteams der Schulen täglich oder wöchentlich prüfen können, ob alle empfohlenen Maßnahmen umgesetzt werden. Anhand der ersten Checkliste sollte beispielsweise die für den Eingangsbereich der Schule zuständige Person jeden Morgen überprüfen, ob die Handwaschstation benutzbar ist und ob Wasser und Seife (oder Händedesinfektionsmittel) vorhanden sind. Ähnliche Checklisten gibt es für Klassenräume und Toilettenbereiche, die Reinigungs- und Desinfektionsprotokolle, Abfallentsorgung, die Möglichkeit, Abstand voneinander zu halten und Belüftung abdecken.

Batu Bara ist einer der Schulbezirke, die diese Maßnahmen umsetzen. Laut Ilyas S. Sitorus vom Bildungsamt des Bezirks befolgen 162 Grund- und Mittelschulen seit Anfang September die vereinfachten Leitlinien und verwenden die Checklisten. Die Schulen haben mehr Handwaschgelegenheiten eingerichtet und verwenden die drei täglichen Checklisten, um sicherzustellen, dass die Klassenräume und Toiletten sauber gehalten werden. An den Schuleingängen und in den Klassenzimmern hängen bunte und leicht lesbare Plakate, deren Graphiken ins Auge springen und dem Schulpersonal und Schülerinnen und Schülern vermitteln, mit welche Verhaltensweisen sie sich selbst und andere vor COVID-19 schützen können. Ausgehend von 12 Modellschulen in Bandung und Indramayu werden die WASH-Maßnahmen des Programms inzwischen in mehr als 600 Schulen in sechs Provinzen umgesetzt. Sie sind in die Richtlinien des Bildungsministeriums für sanitäre Einrichtungen an Schulen aufgenommen worden und ihre Umsetzung wird kontinuierlich überwacht.

Auf der anderen Seite der Weltkugel stehen Schulen vor ähnlichen Problemen

Die Bildungsbeamten in Indonesien sind bei Weitem nicht die einzigen, die mit diesen Problemen zu kämpfen haben. Auf der anderen Seite der Weltkugel, in Malawi, stehen die Bildungsbeamten vor einem ähnlichen Dilemma. ‚Die Schulschließungen hatten wirklich tiefgreifende und negative Auswirkungen,‘ sagt Edward Kalua, stellvertretender Direktor des Karonga Teacher Training College im Norden Malawis, wo die Schulen im Jahr 2020 ebenfalls für sechs Monate schließen mussten. ‚Wir waren nicht in der Lage, den Lehrplan bis zum Ende zu unterrichten. Infolgedessen brachen viele Schülerinnen und Schüler die Schule ab: Einige heirateten, junge Mädchen wurden schwanger. Andere verloren einfach die Routine und auch die Motivation zum Lernen.‘ Er fügt hinzu, dass COVID-19 Hygieneprobleme sichtbar gemacht hat, mit denen Schulen in Malawi auch vorher schon konfrontiert waren. Globalen Daten zufolge haben drei Viertel der Schulen in Malawi keine Handwascheinrichtungen mit Wasser und Seife. Eine Erhebung der Regierung in den Schulen vor der Wiedereröffnung am 7. September 2020 ergab, dass 460 von rund 5.000 Grundschulen jeglicher Zugang zu Wasser fehlt.

Im Juli 2020 gab das malawische Bildungsministerium detaillierte Leitlinien für die Wiedereröffnung von Schulen, Lehrerausbildungsstätten und Universitäten heraus. Ihre Umsetzung stellt jedoch eine große Herausforderung dar, sagt Herr Kalua. Die Leitlinien listen zwar zahlreiche Standards auf, die eingehalten werden sollen, geben aber kaum praktische Hinweise, wie diese erfüllt werden könnten. Wie in Indonesien brauchen auch in Malawi Schulverwaltungen Unterstützung dabei, die Lücke zwischen ihrer täglichen Realität und den Standards für eine sichere Wiedereröffnung schrittweise zu schließen.

Fit for School kommt nach Malawi

Genau dieses Know-how hat Fit for School in den letzten zehn Jahren in Südostasien entwickelt. Jetzt wird geprüft, wie mit COVID-19-Nothilfe-Mitteln des BMZ Elemente davon in Malawi und weiteren afrikanischen Ländern angepasst und genutzt werden können.

‚Die Schulen in Malawi sind von der Pandemie hart getroffen worden,‘ sagt Anna Kristina Kanathigoda, eine technische Beraterin des GIZ-Programms Water Policy – Innovations for Resilience, das mit dem Bildungsprogramm in Malawi an diesen Anpassungen arbeitet. ‚Das Letzte, was sie jetzt brauchen, sind seitenlange, komplizierte Anforderungen.‘ Die Fit for School-Initiative für Afrika plant, die Richtlinien und Standards in Routinen zu übersetzen, die sich gut in den Schulalltag einfügen. Dazu gehört zum Beispiel, dass das Schulpersonal und Schülerinnen und Schüler ihre Hände mit Seife waschen und Gesichtsmasken tragen, und dass Oberflächen regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden. Wie in Indonesien sind diese Maßnahmen auf Postern dargestellt, die Menschen zeigen, mit denen sich alle Mitglieder der malawischen Schulgemeinschaften gut identifizieren können.

Posters designed for primary schools in Malawi
Ausschnitt (ohne Logos) aus Plakaten, die für Grundschulen in Malawi entworfen wurden.

Es gehe darum, den Ansatz aus Asien nicht 1:1 zu übernehmen, sondern ihn in den Kontext der nationalen Richtlinien Malawis und der lokalen Gegebenheiten einzupassen, erklärt Thomas Kanjodo, technischer Berater für das malawisch-deutsche Bildungsprogramm, das die GIZ im Auftrag des BMZ durchführt. Er sieht es als einen Vorteil, dass das Programm eng mit den Lehrerausbildungsstätten zusammenarbeitet: Lehrkräfte in der Ausbildung können die Sanitär- und Hygienemaßnahmen zunächst in ihren eigenen Einrichtungen kennenlernen und anwenden und sie dann in den Grundschulen einführen, an die sie abgeordnet werden. Dort erleben sie dann auch direkt selbst, was funktioniert und was nicht.

Edward Kalua, der stellvertretende Schulleiter, freut sich, dass die Fit for School-Initiative die malawischen Leitlinien in einfache Instrumente und Checklisten für den täglichen Gebrauch in seiner Schule und in den Schulen Malawis im Allgemeinen übersetzen wird: ‚Wir gewöhnen uns gerade an den Umgang mit der Pandemie und wollen unsere Schulen auf keinen Fall wieder schließen.‘

International Learning Exchanges (ILE): Schulen weltweit lernen voneinander

Während Schulen in verschiedenen Ländern an ihren Wiedereröffnungsstrategien arbeiten, können sie viel voneinander lernen. Deutschland unterstützt dies im Rahmen der alljährlichen International Learning Exchanges (ILE), die 2012 in Asien ihren Anfang nahmen, und über das globale WASH in Schools Network, das 60 Organisationen umfasst, die sich weltweit für die Verbesserung der WASH-Angebote in Schulen einsetzen. Der diesjährige ILE bot Vertretern aus 22 Ländern die Gelegenheit, ihre Erfahrungen mit der Wiedereröffnung von Schulen während der Pandemie auszutauschen. Die Sitzung ‚Safe re-opening of schools in Africa‘ fokussierte dabei auf die Situation von Schulen in Kenia, Malawi und Südafrika.

Für Malawi beschrieb Thomas Kanjodo in dieser Sitzung, wie Schulen ohne WASH-Infrastruktur als Übergangsmaßnahme mit Eimern und Seife ausgestattet wurden, und wie Schulkomitees und Mütter beim Wasserholen halfen, damit alle sich regelmäßig die Hände waschen konnten. Das ändert jedoch nichts daran, dass es in Malawi in manchen Schulklassen bis zu 200 Schülerinnen und Schüler gibt, und der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern es erschwert, die kontinuierliche Umsetzung von COVID-19-Schutzmaßnahmen zu gewährleisten, um Schulen auf sichere Weise offen zu halten.

Nie war das Interesse an WASH in Schulen größer

Eine Verbesserung des WASH-Angebots an Schulen hatte in ärmeren Ländern bisher keine Priorität. Die COVID-19-Pandemie hat dies verändert, sagt Bella Monse. Sie sieht darin eine Chance: ‚Überall auf der Welt steckt das Bildungswesen in einer Krise, weil Schulen für längere Zeit geschlossen wurden,‘ sagt sie. ‚Dadurch ist allen bewusst geworden, dass Schulen eine angemessene WASH-Infrastruktur brauchen, um sicher öffnen zu können. Die Motivation und das Engagement, dies anzugehen, sind allseits größer als je zuvor.‘

In Malawi ist der amtierende Schulleiter Edward Kalua entschlossen, alles zu tun, um zu verhindern, dass seine Schule ein weiteres Mal schließen muss. ‚Wenn wir aus dem Blick verlieren, wie wichtig Bildung für jedes einzelne Kind ist, haben wir ein wirkliches Problem,‘ sagt er. Währenddessen strahlt Septya Ramadine Ashya, die Schülerin in Indonesien, die nach vielen Monaten ohne Präsenzunterricht wieder an einem Pult in ihrem Klassenraum sitzt: ‚Ich bin unglaublich froh, dass ich meine Freundinnen und meine Lehrer jetzt wieder persönlich treffen kann.‘

November 2021

© GIZ/Christine Lüdke

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